Es ist eines der aussergewöhnlichsten deutsch-mallorquinischen Sozialprojekte Mallorcas: Essen für alle. Denn es ist eine Kooperation zwischen der Supermarktkette Lidl, dem Lions Club Palma und sozialen Einrichtungen auf der Insel. Fünf Mal die Woche wird etwa eine Tonne Lebensmittel an bedürftige Menschen gegeben. Eine Geschichte, die unglaublich Mut macht, finden Redaktionsleiterin Kirsten Lehmkuhl (Text) und die Fotografen Rüdiger Eichhorn und Danyel André.

Tomaten, Gurken, Karotten, Äpfel, Melonen, sie stapeln sich in den Kisten, pralle runde Früchte, die Pater Jaume Santandreu mit seinen Männern aus dem Kleintransporter lädt. Was der Geistliche da annimmt, ist alles andere als eine normale Lebensmittellieferung. Denn es ist alles geschenkt. Gespendet von dem größten deutschen Lebensmitteldiscounter auf Mallorca: Lidl. Obst und Gemüse, dazu Saft, Zahnpasta, Waschmittel gibt die Supermarktkette jeden Tag an Bedürftige ab. „Das Obst und Gemüse, das wir in unseren Filialen verkaufen, soll beim Verbraucher zu Hause noch mindestens drei Tage im Kühlschrank frisch und knackig sein“, sagt Manuela Thies, Lidl-Vertriebsleiterin auf den Balearen. „Das ist unser Anspruch, das kann der Kunde erwarten.“ Und um diesem Anspruch zu genügen, wird eben alles an Frisch-Produkten aussortiert, was diesen strengen Maßstäben nicht genügt.

Die großzügige Spende wird an die Ärmsten der Armen gegeben. Der Lions Club Palma de Mallorca hat das Projekt ins Leben gerufen. Sein Name: Essen für alle. Ein eigens engagierter Fahrer fährt von Montag bis Freitag acht Lidl-Filialen ab, bringt die Lebensmittel und Hygieneartikel unter anderem zum Obdachlosenheim Can Gazà in Palma, liefert sie bei der Tafel „Comedor Zaqueo“ ab, beim Kloster Monasterio de la Real oder bei der katholischen Gemeinde in Palma.

Eine Tonne kommt da täglich zusammen, für Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, die ins Abseits gerutscht sind, die ausgegrenzt sind von der Gesellschaft.

Lidl-Lions-Kooperation: Auf die Idee und die richtigen Partner kommt es an. Drei, die anpacken: Lirio Álvaro (Lidl-Filialleiter Palmanova), Manuel Tietsch und Dagmar Daum de Waard vom Lions Club Palma (v.li.)

Lidl-Lions-Kooperation: Auf die Idee und die richtigen Partner kommt es an. Drei, die anpacken: Lirio Álvaro (Lidl-Filialleiter Palmanova), Manuel Tietsch und Dagmar Daum de Waard vom Lions Club Palma (v.li.)

So wie die 30 Männer von Can Gazà, einer Finca etwas außerhalb von Palma gelegen. Sie alle kommen von der Straße, sind an harten Drogen fast zugrunde gegangen, am Alkohol beinahe zerbrochen. Es sind Menschen, die alles verloren haben: ihre Familie, ihre Aufgabe, ihre Freunde, ihr Geld. Und ihre Gesundheit. „Die Männer, die hier sind, sind zum Teil schwerkrank“, flüstert Pater Jaume Santandreu, der er sich zur Aufgabe gemacht, ihnen zu helfen.

In strahlendem Gelb ist das Gebäude gestrichen. Und dass hier die Krankheit wohnt – davon spürt man nichts, nicht auf den ersten Blick. Die Finca ist perfekt in Schuss, blitzblank gewienert. Mit einem Stück Land drum herum. Ein kleines Paradies. Einfach und schön. Die Männer, zwischen 36 und 81 Jahren, arbeiten jeden Tag – drei Stunden von 7.30 bis 10.30 Uhr, das ist Pflicht. Und wenn das kleine Lieferfahrzeug mit den Waren am frühen Nachmittag kommt, dann müssen sie auch mit anpacken.

Sie lachen, während sie den Wagen entladen. Wie eine große Familie wirkt ihre Lebensgemeinschaft, mit einem, der in diesem Refugium das Sagen hat: Der Chef ist der Pater. Ein Mann, der der katholischen Kirche den Rücken gekehrt hat, der die Gängelei der Kirchenoberen satt hatte, der sich diskriminiert fühlte wegen seiner Homosexualität und über das Verbot der Empfängnisverhütung nur den Kopf schütteln kann. Ein Mann, der sagt: „Katholiken sind Fanatiker. Die Kirche ist eine Diktatur.“ Er weiß es, denn er ist 73 Jahre alt und stand ein halbes Jahrhundert als Priester in ihrem Dienst. Doch ein Mann wie Jaume Santandreu lässt nicht locker, seiner Berufung zu folgen: Menschen in Not zu helfen. Und er geht so weit, dass er sogar ihr einfaches Leben teilt.

Und so bauen die Männer von Can Gazà Obst und Gemüse selber an, züchten Kaninchen, Schafe, Ziegen, Hühner, Enten, Tauben, sogar Schweine. Und als neulich Ferkel geboren wurden, aber von dem Muttertier nicht angenommen wurden, da hat sich einer der Bewohner ihrer angenommen und sie kurzerhand mit der Flasche aufgezogen. Ersatz-Vater und das Borstenvieh waren sich bald so nah, dass die Schweinchen auch schon mal mit aufs Zimmer kamen – richtige Hausschweine eben. Pater Santandreu hat ein Auge zugedrückt, erzählt die Geschichte mit einem warmen Lächeln. Denn er weiß, wie wichtig die Zuneigung anderer Lebewesen für diese Menschen ist, die in ihrem Leben schon so viel Ablehnung erfahren haben.

Can Gazà ist ihr Refugium. Es bietet Schutz, ein warmes Bett und warmes Essen. Tag für Tag. Und dafür gilt es Regeln einzuhalten. Regel Nummer eins: kein Alkohol, keine Drogen. Regel Nummer zwei: Sich hängenlassen ist verboten. Und so gibt es einen ausgeklügelten Plan, wer wann was zu tun hat. „Wir sind gut organisierte Arme!“, sagt der Pater lachend. Aber wie!

Vier Mahlzeiten gibt es am Tag, zu festgelegten Uhrzeiten. Frühstück, zweites Frühstück, Mittagessen, Abendbrot. Und nachmittags einen Kaffee zwischendurch. Jeder der Bewohner ist für einen anderen Job eingeteilt. Einer bereitet das Frühstück, ein anderer kocht, der nächste ist der Mann der Wäsche, wieder ein anderer der Herr der Tier-Versorgung. Die Finca, auf der alle leben, hatte eine Mallorquinerin, Catalina Cañellas, dem Pater vor 36 Jahren für soziale Zwecke zur Verfügung gestellt, damit er das tun kann, was er tut.

Das nennt man Selbsthilfe. Alles wird selbst in die Hand genommen, von der Verwaltung des Projekts angefangen. Es gibt in ihrer Einrichtung keine Sozialbetreuer, keinen Psychologen, keine Putzfrau, keinen Koch. Selbst sind die Männer. Medizinisch versorgt werden sie wie andere ganz normale Menschen auch: über das staatliche Gesundheitssystem, die Seguridad Social. Einmal im Monat schaut eine Ärztin des zuständigen Medizin-Zentrums nach ihnen. „Ein Engel“, versichert der Pater. „Von behördlicher Seite bekommen wir ansonsten keine Unterstützung“, sagt er. Er stellt es fest. Er beklagt sich nicht. Warum auch, wenn man eine solche Energie und Ausstrahlung hat wie dieser Mann. Werden Gottesdienste gehalten auf Can Gazà? „Wissen Sie“, sagt Jaume Santandreu, „das kann jeder hier für sich allein tun, wenn er möchte. Es gibt keinen Zwang.“ Und er fügt hinzu: „Menschen, die das erlebt haben, was diese Männer hier erlebt haben, denen fällt es schwer an einen Gott zu glauben …“

Jaume Santandreu hat das Projekt in Can Gazà auf die Beine gestellt. Ein Refugium für Menschen, die dort viel mehr finden als ein warmes Bett und warmes Essen …

Jaume Santandreu hat das Projekt in Can Gazà auf die Beine gestellt. Ein Refugium für Menschen, die dort viel mehr finden als ein warmes Bett und warmes Essen …

Can Gazà ist eben in mancher Hinsicht besonders. Die Menschen, die dort wohnen, nehmen nicht nur. Sondern sie geben selbst anderen Menschen etwas. Teilen. Helfen. Tun Gutes. So wird jeden Tag für 50 Personen warmes Essen zubereitet, eben nicht nur für die Männer selbst, sondern auch für andere, die allein nicht mehr über die Runden kommen. Zwölf, 15 Menschen sind es, die täglich mittags Punkt 13.30 Uhr zum Speisen vor der Tür stehen.

Bedürftige helfen Bedürftigen und entfernen sich damit gleichzeitig von der Opferrolle. Das ist wohl eines der außergewöhnlichsten Konzepte in Sachen Sozialarbeit auf der Insel – made by Jaume Santandreu. Auch die Waren, die über den Lions Club Palma von Lidl bei ihnen angeliefert werden, behalten sie nicht nur für sich. Die Männer packen vielmehr kleine „Fress-Pakete“, die sie an andere Institutionen weitergeben. So genial wie einfach, wenn man nur die richtige Idee und die richtigen Partner hat. Die Idee hatte Manuel Tietsch aus dem Vorstand des Lions Clubs Palma. Und er fand mit seinem Projekt „Essen für alle“ bei Achim Becker, Lidl-Regionsleiter Balearen, schnell Gehör. Schließlich landete bisher jeder Apfel, der eine kleine braune Stelle hat, jede Packung, die aufgerissen war, im Abfall. Unverkäuflich, wenn man einen Qualitätsanspruch wie Lidl hat.

Unkonventionelle Hilfe wird dringend benötigt. Die Arbeitslosigkeit in Spanien liegt bei rund 20 Prozent, die Zahl der Einwanderer nimmt zu, Sozialhilfe wie in Deutschland gibt es in der Form nicht. Und das Leben auf der Straße wird immer brutaler. „Es gibt viel Elend“, sagt Pater Santandreu, „heute werden Obdachlose wegen einer Zigarette umgebracht. Es rollt eine Welle des Hungers auf uns zu.“ Bei ihm bekommen die Männer ein Dach über dem Kopf, ein Bett und warme Mahlzeiten. Und sie, denen das manchmal sehr lange gefehlt hat, die am Ende waren, fertig – sie wissen das zu schätzen, auf ihrer letzten Station des Lebens.

Essen für alle. Eine Illusion, gewiss. Aber auf Mallorca ist sie ein kleines Stück Wirklichkeit geworden.

Eine Ladung Menschlichkeit
Das Projekt „Lebensmittel-Spenden-Transport“ wurde vom Lions Club Palma ins Leben gerufen. Nach dem Motto „Bringen Sie mit uns eine Ladung Menschlichkeit ins Rollen“ finanziert die Vereinigung den Lieferwagen, Benzin und den Fahrer, der die Waren Tag für Tag bei den Supermärkten abholt und zu den Hilfsorganisationen bringt. Was fehlt, ist ein Kühltransporter, damit auch Produkte wie Joghurt, Käse und Butter zu den Bedürftigen gebracht werden können.

 

Wer den Lions Club Palma bei seiner Arbeit unterstützen möchte, hier sind die Kontaktdaten, auch kleine Spenden sind willkommen:
www.lionsclubpalma.com
info@lionsclubpalma.com
Tel.: 619–24 70 83 (Manuel Tietsch), 679–81 34 47 (Stephanie Stamminger)

 

Wer direkt an Can Gazà spenden möchte:
Can Gazà – Institut Contra La Marginació Social,
NIF: G 57226086,
Konto bei la Caixa: 2100 1406 18 02 000 63 959

 

 

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