Mallorcas 90 Kilometer langer Gebirgszug Serra de Tramuntana wurde zum Welterbe der UNESCO ernannt. Wegen seiner einzigartigen Schönheit. Und nicht nur die UNESCO, auch Brigitte Kramer (Text) und Rüdiger Eichhorn (Fotos) sind  dem Charme der „malerischen zackigen Bergspitzen“ verfallen … 

Wanderern, Radlern, Motorradfahrern, Ausflüglern im Cabrio, Badenixen und Bergfexen ist sie gleichermaßen ein Heiligtum – die Serra de Tramuntana. Dass sie nicht irren können, das hat nun die UNESCO bestätigt. Mallorcas steinernes und gigantisches Rückgrat ist gestärkt worden. Denn der 90 Kilometer lange Gebirgszug zwischen Andratx und Pollença wurde unter UNESCO-Schutz gestellt. Der rund 1.100 Quadratkilometer umfassende Landstrich mit Höhenunterschieden von fast 1.500 Metern erfüllt sechs von maximal zehn der UNESCO-Kriterien als Naturlandschaft. Und kulturell kann das bis zu 15 Kilometer breite Küstengebirge unter anderem mit 700 Jahre alten Bergbauernhöfen und noch älteren, arabischen Terrassen und Wasserkanälen dienen.

Höchste Güter der Menschheit sind jetzt also die atemberaubende Landschaft zwischen dem Meer und den 54-Tausender-Gipfeln sowie die Spuren des zähen Überlebenswillens in vorindustrieller Zeit: handgeschichtete Steinmauern, Köhlerhütten, Ölpressen, Schafweiden unter Mandel- und Johannisbrotplantagen, Schneehäuser, Verteidigungstürme. Den Ausschlag gaben bei der Vergabe Ende Juni in Paris die Bewässerungssysteme arabischen Ursprungs in Bergdörfern wie Banyalbufar oder Estellencs und die so zahlreichen handgeschichteten Trockenmauern zwischen Terrassen und Feldern. Sie sind Identitätszeichen dieser mehr als 1.000 Jahre alten Kulturlandschaft im Mittelmeer.

Bereits in den Jahren 1996, 2002 und 2005 hatte sich die Landesregierung der Balearen um den Titel „Welterbe“ erfolglos beworben. Seitdem stand die Serra de Tramuntana bei der UNESCO als „schützenswert in ihrer gesamten Ausdehnung“ auf der Kandidatenliste – und wegen „ihres Reichtums an Denkmälern und historischen Zeugnissen sowie ihrer einzigartigen, außergewöhnlichen Schönheit.“ Dieses Mal bekamen die Mallorquiner Unterstützung von dem spanischen Kulturministerium. Erstmals reichte Madrid die „Tramuntana“ ein, und zwar als einzige Bewerbung des Landes. Vier Bände mit Videos, Texten, Fotos und Zeugnissen von mehreren tausend, auch prominenten Paten, wie Peter Maffay oder Annie Lennox, lagen seit vergangenem Jahr in Paris. All diese Dokumente und der Vortrag des Geographen Jaume Mateu in Paris haben nun aus dem Gebirgszug Spaniens Welterbe Nummer 43 gemacht: Innerhalb Europas hat nur Italien mehr Natur- und Kulturdenkmäler. Auch auf der Insel hat der Felsrücken starken Rückhalt erfahren. Rund 3.000 Facebook-Nutzer hatten die Kandidatur virtuell unterstützt, mehr als 50 Vereine und Regierungsorganisationen hatten einen Nutzungsplan erstellt.

 

Der muss nun von einem Konsortium umgesetzt werden, dessen Vorsitzender aber noch nicht ernannt worden ist. Grundsätzlich obliegt es der zuständigen Verwaltung vor Ort, in diesem Fall dem Inselrat, eine UNESCO-Auszeichnung mit Inhalten zu füllen. Der Status bildet keine neue, gesetzliche Basis, er fordert nur die Beteiligung der Bürger. Die Bevölkerung selbst ist es also, die ihr Erbe wahren muss. Die UNESCO mischt sich nicht ein und mischt nicht mit: Sie wacht nur darüber, dass der Status nicht verändert wird. Würde das geschehen, droht die Aberkennung des Titels „Welterbe“. Um das zu verhindern, leisten die Experten in Paris technische Hilfe und bieten ihre Erfahrung an. Geld gibt es nicht.

Tatsächlich herrscht auf Mallorca derzeit eine rege Diskussion um die UNESCO-Entscheidung. Denn sie fiel mit einem politischen Wechsel in vielen der 20 Gemeinden der Bergregion zusammen. Stand während des zweijährigen Kandidatur-Marathons vor allem die Linke rund um die Referentin für Raumordnung, Maria Lluïsa Dubon, hinter dem Projekt, so tut sich die Rechte nun schwer mit dem Erbe. Immerhin hat die neue Inselratspräsidentin María Salom (Konservative Volkspartei, PP), Amtsnachfolgerin von Dubons ehemaliger Chefin Francina Armengol (Sozialdemokraten, PSOE), den neuen Status sogleich genutzt, um in Madrid Subventionen zu beantragen. So sollen mit 408.000 Euro aus dem spanischen Kulturministerium die Finca Raixa, der Wachturm und das Pfarramt von Alaró, das Anwesen Galatzó in Calvià und die Kirche von Galilea restauriert werden – ein erster Schritt, nachdem die anfängliche Freude über die Auszeichnung Skepsis und Nervosität gewichen war. Mallorca erwartet rund 20 Prozent mehr Besucher als bislang und steht nun vor der Herausforderung, dieses Interesse so zu befriedigen, dass die Natur keinen Schaden nimmt. Nun müssten auch jahrzehntelange Streitereien zwischen Verwaltung, Wanderern und Grundbesitzern beigelegt werden.

Die Serra de Tramuntana bedeckt knapp ein Drittel der Gesamtoberfläche Mallorcas. Das naturnahe Agrarland am Meer ist schon seit langem alternatives Reiseziel zu der herkömmlichen Sonne & Strand-Destination Mallorca. Dabei wandern und fahren Besucher immer wieder durch Privatland. Die Besitzer, oft überfordert mit der aufwändigen Pflege der heute meist unrentablen Landgüter, fordern Subventionen und wollen zugleich keine Fremden auf ihrem Grund. Sie versperren die Wege, Wanderer kehren frustriert um. Nun stellt sich einmal mehr die Frage, ob Steineichenwälder, Olivenhaine, Steinmeere und Felsschluchten nicht nur ihren im Grundbuch genannten Besitzern gehören, sondern dem Genuss aller Menschen dienen sollten. Und obwohl aus Paris kein Geld fließen wird, ist es doch wahrscheinlich, dass das Protektorat der UNESCO eine Einigung ermöglichen und den Erhalt der teils verfallenen Landgüter erleichtern wird.

Die Schaffung der Kulturlandschaft der Tramuntana geht auf die katalanischen Eroberer zurück, die im 13. Jahrhundert als Dank von König Jaume I. riesige Ländereien, Possessions, erhielten. Allein die zehn größten davon bedecken knapp 40 Prozent der Serra. Auf den abgelegenen Berghöfen, Jahrhunderte lang die einzigen Arbeitgeber in ihrem Umkreis, wurde mallorquinische Lebenskultur geprägt. Wo heute Wanderwege verlaufen, da liefen einst Tagelöhner im Morgengrauen zur Oliven- oder Weinernte. Fast alle Bewohner des ländlichen Mallorcas waren Landarbeiter, wenige Familien entschieden über das Geschick der Insel. Nur in Palma gab es Geschäftsleute und Händler.

Einen Teil dieser Anwesen kaufte Ende des 19. Jahrhunderts der Weltenbummler und Naturfreund Ludwig Salvator. Der Habsburger Erzherzog erwarb mit dem Geld der kaiserlichen Krone nach und nach insgesamt zwölf zusammenhängende Ländereien und machte aus ihnen ein 17 Quadratkilometer kleines Paradies – das Herzstück der Tramuntana. Kein Baum durfte darin gefällt, kein Tier getötet werden. Das Werk des Österreichers, „Die Balearen in Wort und Bild“, gibt ein einmaliges Zeugnis von Mallorcas Bergen. Geografen, Ethnologen und Biologen ziehen es bis heute zu Rate, auch bei der Erarbeitung der UNESCO-Kandidatur leistete es wertvolle Dienste. Ludwig Salvator fürchtete schon Ende des 19. Jahrhunderts zu Beginn des Industriezeitalters, dass der naturverbundene Lebensstil der Bergbewohner verschwinden könnte. Er dokumentierte akribisch alles, was ihm bemerkenswert schien, an dieser „ansehnlichen Gebirgskette von malerischen zackigen Bergspitzen“. Und das war eine Menge. Sieben Bände umfasst sein 1870 erstmals veröffentlichtes Werk, ein Großteil darin ist der Serra de Tramuntana gewidmet. 140 Jahre später füllt dieses Erbe immerhin noch vier Bände.

Für uns, die wir Mallorca lieben, ist die Tramuntana ein wichtiges Stück der Insel, eines der schönsten. Und das zu jeder Jahreszeit. Im Winter, wenn Schnee auf den Berggipfel liegt, im Frühjahr, wenn das frische Grün die Berghänge bedeckt, im Sommer, wenn es beim Wandern nach den Kräutern der Insel duftet und im Herbst, wenn früh morgens Nebelschwaden und Sonne um die Herrschaft über den Tag kämpfen. Tramuntana, du bist einfach großartig. Du bist wunderschön.

 

 

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